Sensorische Integration
- was versteht man darunter? –
 

Ich möchte versuchen, durch eine Sammlung verschiedener Aussagen, die Thematik einzugrenzen. Eine Störung der Integration der Sinne ist nicht unbedingt unmittelbar auffällig, aber Ursache verschiedenster Schwierigkeiten, für die wiederum ursächlich das Gehirn, als zentrale Steuerungsstelle für unsere körperlichen, emotionalen und geistigen Tätigkeiten, verantwortlich ist.
Eine Dysfunktion oder Störung der SI ist keine Krankheit, sondern eine gestörte Verarbeitung von sensorischen Reizen, die ein optimales Zusammenspiel aller Sinne unmöglich macht. (sensorisch=zu den Sinnesorganen, -wahrnehmungen gehörend)

Das heißt innerhalb des Modells der SI, das Gehirn ist nicht in der Lage, den Zustrom sonsorischer Impulse in einer Weise zu ordnen und zu verarbeiten, die dem betreffenden Individuum eine gute und genaue Information über sich und seine Umwelt ermöglicht.
Auf unser Gehirn strömt ständig eine Vielzahl taktiler ( den Tastsinn betreffend, Haut..), vestibulärer (das Gleichgewicht betreffend), kinästhetischer(die Bewegung betreffend), somatosensorischer (den Körper betreffend), olfaktorischer (-Riechen-) akustischer(-Hören-) und visueller (-Sehen-), kurz sensorischer Reize ein. Die Aufgabe eines reibungslos funktionierenden Gehirns besteht nun darin, die ankommenden Impulse zu analysieren, zu bewerten (modulieren), integrieren und mit bereits abgespeicherten Informationen zu vergleichen und entsprechend einzusortieren.
Eine Störung dieses Systems erschwert nicht nur das Zusammenleben und eine befriedigende Kommunikation mit anderen, sondern erschwert ganz massiv die eigene Selbstwahrnehmung und infolge das Selbst – Bewußtsein.

SI ist ein ständig in unserem Zentralnervensystem stattfindender Prozeß, wobei die „unteren“, also die phylogenetisch älteren Hirnregionen, d.h. vor allem der Hirnstamm, von besonderer Bedeutung ist.

Neurophysiologischer Exkurs

Der entwicklungsgeschichtliche älteste Teil ist der Hirnstamm als Verlängerung des Rückenmarks. Hier liegen die Steuerungszentren für Atmung und Blutkreislauf. Ein dichtes Netzwerk, die sog. „formatio reticularis“, erstreckt sich längs über den Hirnstamm. Sie steuert u.a. die Aufmerksamkeit und den Schlaf-Wachrhythmus. Sie steht in Verbindung mit allen aufwärts- und abwärtsführenden Bahnen des Zentralnervensystems und ist für die Erregbarkeit von Reflexen und den Muskeltonus mitverantwortlich. Sie enthält Nervenfasern, die sie mit jedem sensiblen System verbinden, darüber hinaus auch mit vielen motorischen Neuronen und den meisten anderen Stellen des Großhirns. (Ayres, 1984, S. 41)

In den Hirnstamm eingelagert sind auch die Kerne des vestibulären Systems, das das Gleichgewicht regelt.
Der Hirnstamm wird von dem ebenfalls entwicklungsgeschichtlich alten Kleinhirn umwachsen. Es ermöglicht die Orientierung im Raum, ist aber vor allem für den richtigen Ablauf der Körperbewegungen verantwortlich. Gemeinsam mit dem Thalamus sorgt es für harmonische, glatte Bewegungen. Der Thalamus ist außerdem eine wichtige, subkortikale Sammel-, Umschalt- und Integrationsstelle von Temperatur-, Schmerz- und Tastempfindung, von Tiefensensibilität, Seh-, Gehör- und Riechfunktionen. Im Thalamus findet das letzte „Umsteigen“ statt. Alle uns bewußten Berührungs- und Schmerzimpulse, alle optischen, akustischen, Geschmacks- und Gleichgewichtssignale aus dem Körper und der Umwelt treffen und verschalten sich hier. Der Thalamus koordiniert alle Sinne miteinander (Störungsanfällig!) Hier erhalten die sensorischen Informationen ihr „persönliches Gesicht“.
Vestibuläre Kerne des Hirnstamms und Kleinhirns ermöglichen die Haltung, das heißt die Einstellung des Körpers im Raum. In einem komplizierten Zusammenspiel von Hemmung und Aktivierung der Muskeltätigkeit übernehmen sie den Kampf gegen die Schwerkraft (Propriozeption).
Diese sog. „alten“ Hirnteile sind schon funktionsbereit im vierten Schwangerschaftsmonat.

Das heißt, die sensorische Basis funktioniert bereits in der 12. SSW, denn
- Das Kind nimmt über Bauch, Thorax und Kopf Schwingungen auf. Die mütterliche Stimme wird so ummodelliert. Es nimmt Vibrationen wahr.
- Das Kind ist in der Lage, mütterliche Bewegungen entgegen zu steuern. Es verfügt über vestibuläre, d.h. Gleichgewichtswahrnehmung.
- Haut, Muskulatur und Berührung werden in Utero gespürt. Die Haut ist unser frühestes und größtes Wahrnehmungsorgan.

Das entwicklungsgeschichtlich jüngere limbische System, das zum Großhirn gehört, bestimmt vor allem Instinkt- und Gefühlsverhalten, d.h. gefühlsmäßige Reaktionen auf bestimmte Reize der Umwelt. Man vermutet in ihm den „Sitz“ von Intelligenz, Gedächtnis, Willen.

Die Großhirnrinde ist der oberflächliche Teil des Großhirns. Hier lassen sich Gebiete mit jeweils verschiedenen Funktionen darstellen:

- Der Stirnlappen mit enger Beziehung zur Struktur der Persönlichkeit
- Der Hinterhauptslappen mit dem Sehzentrum
- Der Schläfenlappen mit dem Hörzentrum
- Der ScheitellappenAn der Grenze zwischen Scheitel- und Stirnlappen liegen zwei Gebiete mit motorischen Zentren für einzelne Körperabschnitte und ein Zentrum für Sinneseindrücke aus dem Bereich des Körpergefühls.
Abschließend sei nochmals der Weg einer störungsfreien Wahrnehmung verdeutlicht:
Sensible Reizeindrücke gehen über das Rückenmark in höhere Regionen des ZNS. Auf dem Weg zu Klein- oder Großhirn haben die Nervenfasern Kontakt zu anderen Schaltstationen, so daß nur ein Zusammenspielen aller Nerventätigkeiten zum einwandfreien funktionieren führt. (nach Bielefeldt, S. 45)
Obwohl vom Großhirn aus die höheren Funktionen des Menschen gesteuert werden, ist es auf das Zusammenspiel aller Hirnteile angewiesen: „Solange der Hirnstamm die fundamentalen taktilen, optischen und akustischen Informationen nicht in geeigneter Weise verarbeitet hat, kann die Hirnrinde keine präzise taktile, visuelle oder auditive Wahrnehmungen ausbilden.“ (Ayres, 1984, S. 54)

Ein besonderer Verarbeitungsschwerpunkt des Hirnstammes liegt in den sog. Grundwahrnehmungsbereichen unseres Körpers, denen

- wie schon erwähnt bereits in utero eine frühzeitige reizintegrierende Aufgabe zukommt:
- Die vestibuläre oder Gleichgewichtswahrnehmung
- Die taktile oder Oberflächenwahrnehmung
- Die propriozeptive oder Tiefenwahrnehmung

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Hauptbereiche der Sensorischen Integration
(explizite Darstellung)

1. Die vestibuläre Wahrnehmung (vgl. W. W. Döring, S. 12 f)

Über das Gleichgewichtsorgan im Innenohr werden die vestibulären Reize aufgenommen und zum größten Teil im Hirnstamm und im Kleinhirn verarbeite. Sie sind einer der wichtigsten Bausteine für die Aufrichtung und Bewegung des Menschen. Die Aufrichtung des Menschen ist unter anderem ein wesentlicher, erleichterndes Element bei dem Aufbau kognitiver Prozesse. Die Bewegung ist Grundlage fast aller menschlicher Reaktionen (von der Flucht bis zum Flirt, Blickkontakt)

Schon beim Neugeborenen besteht die Eigenaktivität vornehmlich aus Bewegung. Bewegungsfähigkeit ist sein wesentlicher Mittel, seine Umwelt zu erfahren und es setzt sich von Anfang an mit der Wirkung der Schwerkraft auseinander.
Die sensorischen Empfindungen, die in Folge der Schwerkraft ständig durch unser Nervensystem fließen, stellen für alle an deren Sinneswahrnehmungen  ein grundsätzliches Bezugssystem dar. (Ayres, 1984, S. 97)

Das Gleichgewichtssystem ist im sog. Reflexbogen mit den Augennerven (über best. Gesichtsnerv) mit dem Kleinhirn, das die feinen Bewegungen steuert, mit der formatio reticularis (u.a. Erregbarkeit von Reflexen, Muskeltonus und Aufmerksamkeit), mit der Nackenmuskulatur (Kopfhaltung) und der übrigen Körpermuskulatur verbünden.
„Sobald die bahnenden und hemmenden Kräfte, die auf das Gleichgewichtssystem einwirken, sich ihrerseits nicht im Gleichgewicht befinden, kommt es zu einer gestörten Ordnung der Hirnfunktion.“ /Ayres, 1984, S. 99)

Auch bei gesunden Menschen ist die Reifung des Vestibularorgans erst in der Pubertät abgeschlossen, d.h. bis dahin benötigt dieses System offensichtlich ständig Reize, um sich gesund entfalten zu können, und ist lebenslang notwendig.
 

2. Die propriozeptive Wahrnehmung

Sie steht in direktem Zusammenhang mit der vestibulären Wahrnehmung. Es geht um die Verarbeitung von Informationen, die über Rezeptoren in den Muskeln, Sehnen und Gelenken aufgenommen werden. Diese Reize informieren uns über die Stellung des Körpers oder einzelner Körperteile und zeigen verantwortlich für Planung und Ausführung von Bewegung.
Die Eigenwahrnehmung vermittelt dem Gehirn, wann und in welchem Umfang sich Muskeln zusammenziehen oder strecken und wann und in welchem Ausmaß sich Gelenke beugen, strecken oder gezogen bzw. gedrückt werden. Da es sehr viele Muskeln und Gelenke in unserem Körper gibt, ist das propriozeptive System fast genauso ausgedehnt wie das taktile.“ (Ayres, 1984, S. 48)
Bewegung und Aufrichtung kann nur über die Integration von vestibulären und propriozeptiven Reizen stattfinden. Die Aufrichtung unterscheidet den Mensch vom Tier. Dies mag die Bedeutung dieses Systems nochmals anders beleuchten.

Die Wahrnehmung der Tiefensensibilität von Muskeln und Gelenken ist ein Teil unseres Körperschemas. Während wir uns bewegen, aktualisiert die Tiefensen-sibilität unser Körperschema, so daß das Gehirn die nächste Bewegung korrekt vorplanen kann, nämlich wenn sie den richtigen Muskel zur richtigen Zeit zur Kontraktion bringen muß. Tiefensensibilität und Propriozeption sind Synonyme.

Kinder mit minimaler cerebraler Dysfunktion (MCD) haben häufig eine beeinträchtigte Tiefensensibilität. Sie haben häufig Probleme bei der Kraftdosierung und bei der Planung und Durchführung motorischer Aktivitäten.
 

3. Die taktile Wahrnehmung

„Das sind Informationen, die uns über Rezeptoren in der Haut erreichen.“ (Döring S. 12)
Die Haut, unser größtes Wahrnehmungsorgan, ist unsere Hülle, die uns zusammen-hält und gleichzeitig abgrenzt. Jedem ist z.B. auch die emotionale Bedeutung der Haut klar. (Gestreichelt werden.)

„Der Hautreiz hilft uns zu entscheiden, ob eine Abwehrreaktion oder eine die Reizursachen beurteilende Reaktion eingeleitet werden soll. Schmerzreize aktivieren unser Abwehrsystem, während kräftige Druckempfindungen das System eher regulieren oder hemmen. Wenn man sich an das Schienbein stößt, reibt man sich die Haut, um den Scherz zu mildern. Reiben bewirkt taktile Reize, die den Zustrom von Schmerz hemmen oder völlig blockieren kann. Druckempfindungen bewirken, daß zu starke Aktivitäten in den Schutzsystemen ausgeglichen werden." (Ayres, 1984, S. 156)

Eine große Anzahl von Rezeptoren des Tastsinnes befinden sich im Gesicht. Taktil abwehrende Kinder fallen deshalb vor allem nach dem 3. Lebensjahr durch Abwehr von Gesichts-, Kopf- und vor allem von Mundberührung durch Dritte auf. Eigene Berührungen können solche Kinder durchaus als angenehm empfinden, da das Gehirn zwischen Eigen- und Fremdberührung unterscheidet. Dies ist aus der Evolutionsgeschichte erklärbar, da Eigenberührung keine Abwehr- und Schutzreak-tionen nötig macht. (keine Eigenberührungsfähigkeit bei Schwerstbehinderten als Wurzel eines Defizits)

Beim gesunden, bzw. funktionierenden Gehirn bilden Neugier und taktile Abwehr ein Gleichgewicht. Bei Störungen gerät dies aus dem Lot und die taktile Abwehr überwiegt.

Alle drei Grundwahrnehmungssysteme sind bei richtiger Zusammenarbeit das Fundament für unsere menschliche Entwicklung. Wahrnehmungs- und Integrationsleistungen sind individuell verschieden, jeder hat Stärken und Schwächen. Relevant ist der Aspekt der Anpassungsfähigkeit an die Umwelt.

Eine Behandlung von SI-Störung zielt darauf ab, den Sinnesorganen „Nahrung“ zu geben und Anpassungsreaktionen, d.h. sinnvolle, zielgerichtete Handlungen aufgrund sinnlicher Erfahrung auszulösen.
Anpassungsreaktionen können dem Kind nicht als Programm verordnet werden, sondern müssen sich aus der Beziehung zum „Therapeuten“ und als der entsprechend strukturierten Umgebung entwickeln. Eine Reduktion der einströmenden Reize aufgrund eines Wegnehmens von Störfaktoren kann ein erster Schritt sein zu besseren Anpassungsleistungen.
SI-Behandlung bedeutet, sich und dem Kind viel Zeit zu lassen , positive Erfahrungen zu machen, die die Verarbeitungsprozesse im Gehirn anregen. Die motorische Anpassung steht bei der Behandlung im Vordergrund, da das Kind durch den Einsatz des ganzen Körpers viel mehr Feedback, als bei kognitiven Aufgaben erhält. Es soll direkt spüren, ob sein Lösungsweg funktioniert oder ob es neu planen muß. Dazu soll es durch die Umgebung und die Haltung des „Therapeuten“ ermuntert werden.
Eine SI-Behandlung umfaßt demzufolge in der Regel zunächst Ganzkörperbewegungen, die eine Stimulation der Grundwahrnehmungsbereiche (also vestibulär, propriozeptiv und taktil) beabsichtigen, die ja schon in utero ihre „Nahrung“ erhalten. Bislang hat das SI-gestörte Kind wohl zu wenig, zuviel oder falsche Nahrung für die Integration seiner Sinne erhalten.

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Wie erkennt man nun das SI-gestörte Kind?

a.) Es fällt zunächst in ganz unterschiedlicher Ausprägung dadurch auf, daß sich seine Verhaltensweisen nicht mit dem spontanen Verhalten von gleichaltrigen Kindern beim Umgang mit alltäglichen Reizen in den Grundwahrnehmungsbereichen vergleichen lassen.

Viele Kinder fallen dem ungeschulten Blick nicht auf, sie sind lernfähig, oft sozial angepaßt und schaffen die Regelschule nicht oder nur gerade so.
„es gibt viele Namen für dieses Phänomen, ... Man spricht von minimaler Cerebraler Dysfunktion.., frühkindlichem psycho-organischem Syndrom, Minimaler Hirnfunktionsstörung oder minimalem Gehirnschaden... Manche Autoren sprechen von Hirnunreife.“ (Bielefeldt, 1991, S. 13)
Tatsächlich haben ein Großteil dieser Kinder eine gute Prognose, denn das Gehirn benötigt lange, um auszureifen, so daß oft mit der Pubertät auch die Schwierigkeiten nachlassen. Affolter beschreibt z.B. den Spracherwerb erst mit 14 Jahren als abgeschlossen.

Im folgenden sollen nun ganz konkrete Verhaltensweisen beschrieben werden, die darauf hinweisen, daß die Sinne dieser Kinder nicht intakt, bzw. nicht integrierbar sind. Es wird versucht die Auffälligkeiten nach den drei Hauptbereichen Sonsorischer Integration zu gruppieren, wobei Überschneidungen möglich sind, bzw. in der Natur der Störung liegen:

a.) Auffälligkeiten, die sich auf gestörte vestibuläre Wahrnehmung zurück führen lassen:

1) Extremes Verhalten beim Schaukeln; Über- bzw. Unterfunktion des Vestibularorgans, d.h. starke Reaktionen auf Gleichgewichtsreize. (z.B. Erbrechen) oder keinerlei Angst bei extremer vestibulären Stimulation, keine Schwindelgefühle
2) Schlecht entwickelte Halte-, Stell- und Gleichgewichtsreaktionen, tolpatschige Bewegungen, keine Abstützversuche beim Fallen, etc.
3) Angstreaktionen bei minimalen Lageveränderungen, fällt z.B. schon im Säuglingsalter auf.
4) Schwierigkeiten beim Balancieren oder auf einem Bein zu stehen.
5) Auffälligkeiten beim postrotatorischen Nystagmus (Nystagmus = Zittern des Augapfels)
6) Starre Rumpfhaltung

b. Auffälligkeiten, die sich auf eine Störung der Tiefensensibilität, oder der Propriozeption oder Kinästhetik zurückführen lassen:

1) Unsichere oder löchrige Körperwahrnehmung
 – unfähig, von dritten gesetzte Reizpunkte lokal zu analysieren
2) Nicht altersgemäßes Körperschema
3) Probleme bei der Seitigkeit (Lateralisation); kein spontanes Kreuzen der Körpermittellinie, Entwicklung der Händigkeit verzögert oder nicht vorhanden (4 – 6 Jahre)
4) Ungeschickte oder tolpatische Handfertigkeiten
5) Falsche bzw. unpassende Kraftdosierung beim Greifen, z.B. Probleme bei der Stifthaltung
6) Hyperaktivität oder motorische Gehemmtheit
7) zu geringer oder zu starker Muskeltonus oder ständige Tonusschwankungen
8) Schwierigkeiten beim Laufen auf unebener Unterlage, Stolpern über Hindernisse
9) Dyspraxie, d.h. die Kinder können Bewegungen und Bewegungsfolgen nur schwer planen und in eine geordnete räumliche und zeitliche Abfolge bringen. Sie wirken sehr ungeschickt.
 

c. Auffälligkeiten, die sich auf eine Störung der taktilen Wahrnehmung zurückführen lassen:

1) taktile Abwehr und damit gestörte taktile Wahrnehmung, Angst vor Berührungsreizen
2) stereotypes einförmiges Spiel, Bevorzugung harter Spielsachen (Qualität des Materials ist vorrangig)
3) mangelnde Mundexploration oder nur an den Lippen
4) Schmerzunempfindlichkeit
5) Temperaturunempfindlichkeit
6) in Bauchlage oder Kniestand liegen die Zehen nicht auf der Unterlage
7) hochempfindlicher Gesichtsbereich, Abwehr beim Streicheln, Cremen oder Kämmen
8) Saug- und Trinkprobleme, als Baby schlafen die Kinder beim Saugen schnell ein, die Umstellung auf gröbere Kost kann zur Katastrophe werden.
9) Selbststimulation durch Schlagen mit Händen oder Gegenständen auf Sachen oder Stampfen mit den Füßen
10) Lehnt Barfußlaufen im Sand und Gras ab
11) vermeidet Matschen und Malen mit Fingerfarben.
12) trägt lieber langärmelige Pullis und lange Hosen
13) lehnt Schmusen ab.
 

Die beschriebenen Verhaltensweisen sind in der Hauptsache den Grundwahrnehmungsbereichen zuordenbar, das heißt SI-Behandlung bezieht sich auf motorische und sensorische Angebote für die Verbesserung, d.h. die verbesserte Anpassungs-fähigkeit des Gleichgewichtssystems, der Oberflächen- und Tiefenwahrnehmung.

Das Kind soll in den Basissinnen quasi nachholen. Denn die Fernsinne können nur dann optimal genutzt werden, wenn die Nahsinne gut funktionieren.

Natürlich können die Kinder auch auf durch Störungen der sog. Fernsinne wie Hören und Sehen auffallen, so z.B. durch Verhaltensweisen wie
- Probleme in der Raumorientierung
 im Sprachverständnis
 beim Sprechen, z.B. durch auditive Dekodierschwäche oder verkürzte Hör- und Gedächtnispausen

o. Probleme  in der Formkonstanzbeachtung
  in der Raumwahrnehmung
  in der Figur- Grund- Unterscheidung
  in der Raum- Lage- Wahrnehmung
  im Erkennen gleicher oder ähnlicher Zeichen

Diese Schwierigkeiten treten bei der von uns betreuten Population ständig auf. Wir haben sie bisher aber als Ausdruck der Geistigen Behinderung eingeordnet.
 

- Wie erkennen wir, was das Kind braucht?
 

In erster Linie zeigen uns die Kinder durch ihr Verhalten in welchen Bereichen ihr Gehirn quasi über- oder unterversorgt ist. Das heißt auch hier gilt der Grundsatz: „Das Kind da abholen, wo es steht.“

Manche Kinder zeigen eine intensive, manchmal stereotyp anmutende Suche nach Reizen (z.B. Hüpfen). Hier bietet der Therapeut durch Material oder durch seinen Körper entsprechende Stimulationen an und bietet, falls diese nur stereotyp vom Kind aufgegriffen werden, Variationen dazu an, um das Kind aus der Sackgasse des ständigen wiederholens herauszuführen.
Andere Kinder zeigen eine Vermeidungsreaktion von Reizen (z.B. taktile Abwehr). Diesen Kindern wird angeboten, das bisher Vermiedene wohldosiert aufnehmen, verarbeiten und letztendlich auch akzeptieren u können.
„Dies kann einerseits  durch das langsame Aufbauen von ganz schwachen und langsam intensiver werdenden Reizen geschehen.

Läßt das Kind jedoch auch die geringste Stimulation oder Variation des bisher gezeigten nicht zu, versucht der Therapeut über einen anderen, nicht überempfindlichen Wahrnehmungsbereich an das Kind heranzukommen. Oft ist es so, daß Kinde die taktil überempfindlich und abwehrend sind, manchmal propriozeptive Reize zulassen, manchmal sogar suchen. Dann ist der einstieg über die Tiefenwahrnehmung und das langsame Hinzufügen taktiler Empfindungen sinnvoll.“ (Döring, S. 23)

Bei Kindern, bei denen die reduzierte Wahrnehmungfähigkeit u./o. eingeschränkte Eigenaktivität nicht durch stimulierende Angebote ausgeglichen werden können, kommt es oft zu Autostimulation, die wir zunächst als Versuche zur Selbsthilfe, zu besseren Eigenwahrnehmung zu kommen, deuten müssen:

d.h. oft wichtige Hinweise von den Kindern, in welchem Wahrnehmungsbereich sie zu wenig „Futter“ bekommen
- Nestelbewegungen, Reiben und Kratzen: Hinweis auf Defizit im taktilen Bereich
- Zähneknirschen, Brummen, Kratzen: Hinweis auf Defizit im taktilen, propriozeptiven Bereich
- Schaukelbewegungen: Hinweis auf vestibulären Bereich
- Kopfschlagen: Intensive Mischform aus allen 3 Bereichen
 

Der Ausgangspunkt einer SI-Behandlung liegt aber in jedem Fall „in der Bewegung, die in hervorragender Weise die Erfahrungen im Gleichgewichtsbereich, in der propriozeptiven und der taktilen Wahrnehmung, verbindet.“ (Döring S. 17)

Gewarnt sei abschließend davor, aus Einzelbeobachtungen eines Kindes darauf zu schließen, daß es SI-gestört sei. Beobachtet werden müssen wiederkehrende Tendenzen im Alltag des Kindes; erst diese führen dann auch zu den Erfahrungsmängeln und den beschriebenen Verhaltensweisen.
 

Literatur: W. u. W. Döring (Hrsg., Sensorische Integration, Dortmund 1990
I. Ayres, Bausteine der kindlichen Entwicklung, Berlin 1984

Zur Verfügung gestellt von:
 L:SI/Kl.-a./1
Blindeninstitutsstiftung Würzburg/Abt. Frühförderung/A. Kling-Hammer/1994
A. Kling-Hammer

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