Die Basale Stimulation
Ein ganzheitliches Förder- und Therapiekonzept für schwerstbehinderte
Kinder und Jugendliche
I. Ausgangspunkt, Entstehung und Bedeutung
II. Zum Personenkreis
III. Zielsetzung der basalen Stimulation
IV. Theoretische Begründung
1. Modell frühen Lernens
2. Modell der „Bahnung“
3. Begriffsklärung: Was heißt Basale Stimulation
4. Von der „Hierarchie der Wahrnehmung“ zur Hierarchie basaler Stimulationsbereiche
V. Konkrete Förderbereiche und ihre Durchführung
1. Somatische Stimulation
Ziele und Methoden, Bedeutung
2. Vestibuläre Stimulation
Ziele und Methoden, Bedeutung
3. Vibratorische Stimulation
Ziele und Methoden, Bedeutung
4. Orale Stimulation
Ziele und Bedeutung
5. Olfaktorische Stimulation
Ziele und Methoden
6. Akustische Stimulation
Ziele und Methoden, Bedeutung
7. Taktil-haptische Stimulation
Ziele und Methoden
8. Visuelle Stimulation
Ziele und Methoden
VI. Zusammenfassung der Zielsetzungen und Bedingungen des Erfolgs in
der Durchführung der BS
- Zum Begriff der „Sättigung“
VII. Film
VIII. Kritische Betrachtungen zur Basalen Stimulation und ihrer Anwendung in der Praxis
Basale Stimulation – Ein ganzheitliches Förder- und Therapie-Konzept
für schwerstbehinderte Kinder und Jugendliche
I. Ausgangspunkt, Entstehung und Bedeutung
Die BS wurde vor jetzt beinahe 20 Jahren im Rahmen eines Schulversuchs
in Landstuhl, Rheinland-Pfalz, als „Basistherapie“ bei schwer geschädigten
ICP-Kindern (infantil-cerebral-paretischen Kindern) von Andreas Fröhlich
entwik-kelt. Sie gilt bis heute u.a. bei all denen, die von Berufswegen
mit der Behand-lung, Pflege und Umgang mit schwerstbehinderten Kindern
und Jugendlichen befaßt sind, - und bis zu diesem Zeitpunkt diesem
Personenkreis weitgehendst hilflos gegenüber standen – als ein relativ
unaufwendiges, logisch in sich geschlossenes und praktikables therapeutisches
Instrumentarium zur ganzheitlichen Förderung diese Klientels.
Das therapeutische Konzept der BS versucht neurophysiologische, entwicklungspsychologische
und pädagogische Theorien und Erfahrung zu integrieren.
Bis in die 70iger Jahre hinein hatte v.a. die Gruppe von ICP-Kindern
eine „Karriere“ als Dauerpflegefall vor sich, die nach jahrelanger physischer
und psychischer Belastung der Familie, insbesondere der Mutter, schließlich
doch in einem Pflegeheim endete.
Der Besuch der Sonderschulen blieb diesem Personenkreis weitgehend
ver-sagt; erst in den 70iger Jahren – und dies ist auch der Verdienst der
Basalen Stimulation – wurde das Recht auf individuelle Förderung und
familiäre Ent-lastung in die Schulgesetze verschiedener Länder
aufgenommen, d.h. das Recht auch der Schwerstbehinderten auf Beschulung.
Dieses Recht der Förderung wurde in einem Curriculum festgeschrieben
und wird jetzt v.a. in Einrichtungen der Frühförderung, der schulvorbereitenden
Einrichtungen und v.a. Sonderschulen für Körperbehinderte und
Geistigbehinderte praktisch umgesetzt.
Eine untere Grenze der Lernfähigkeit wird seit diesem Zeitpunkt
nicht mehr angenommen.
Als Weiterführung oder Fortschritt soll noch erwähnt sein,
daß sich die BS als Therapieform aus dem pädagogischen in den
medizinischen Bereich ausge-weitet hat und heute bereits vielfach als Behandlungsform
apallischer Durchgangssyndrome, Hemiplegiepatienten, bei Morbus Alzheimer
und bei Patienten mit somnolenten Krankheitszuständen in Intensivstationen
von Krankenhäusern integrierter Bestand der Krankenpflege geworden
ist.
Bevor ich im Folgenden auf die Kerngedanken, auf die theoretischen
Hintergründe und praktischen Anwendungsbereiche zu sprechen komme,
möchte ich zunächst den Personenkreis etwas genauer definieren,
der durch die BS angesprochen werden kann und soll.
II. Zum Personenkreis
Fröhlich hat die Methode der „Basalen Stimulation“ ausdrücklich für schwerstbehinderte Kinder und Jugendliche entwickelt. Er beschreibt den Personenkreis folgendermaßen (Fröhlich, 1982 – 2. 21/22): „Die betroffenen Kinder sind in der Regel nicht in der Lage, einfachste motorische Muster eigenständig zu erwerben, mit denen sie eine gewisse Eigenständigkeit werben könnten.
Sie sind nicht in der Lage: zu gehen, zu krabbeln, bei einigen ist ein robben in Ansätzen möglich. Sie sind nicht in der Lage, ohne Stütze zu sitzen, viele können den Kopf nicht ohne fremde Hilfe heben und in aufrechter Stellung halten. Sie können keine gezielten Greifbewegungen mit den Händen vornehmen, es persistieren primitive Maßebewegungen. Häufig ist die Muskulatur des Mund-Rachen-Raumes mitbetroffen, so daß die Funktionen des Kauens und Schluckens stark beeinträchtigt sind. An eine Selbstversorgung in den Bereichen Körperpflege, Toilette, Essen, Ankleiden etc. ... ist demzufolge nicht zu denken. Die Kommunikationsfähigkeit der Kinder ist durch eine in fast allen Fällen vorliegende Anarthrie (Unfähigkeit zu artikulieren) ebenso reduziert wie durch Beeinträchtigung der Augenmuskulatur, Mimik und Handmotorik. Anamnestisch und diagnostisch fallen schwerstbehinderte Kinder in den ersten Lebenswochen oft schon auf durch
- schwere Tonusstörungen
hier handelt es sich meist um Kinder mit einer spastischen Lähmung
unter-schiedlicher Ausprägung (z.B. Tetraspastik, Athetose, Ataxien)
- Probleme bei der Nahrungsaufnahme auf der Grundlage cerebral beding-ter Fehlregulationen (z.B. von Atmung, Lunge, Lippen, Ober- und Unter-kiefer)
- Probleme der Sauerstoffversorgung des kindlichen Gehirns, also Kinder mit Atemnot- oder Asphyxie-Syndrom
- Kinder mit cerebralem Anfallsleiden.
Die Erscheinungsbilder schwerster Behinderung sollen hier nicht vollständig
ausgeführt werden; sie dürften Ihnen als Fachleute ohnehin bestens
bekannt sein.
Erwähnenswert finde ich jedoch noch eine Modifikation und Erweiterung der
Definition von Fröhlich durch den Vergleich mit normal entwickelten Kindern.
Er sagt:
„Schwerstbehindert nennen wir ein Kind, wenn es absehbar nicht in der Lage sein
wird, die vergleichbaren Leistungen eines gesunden Säuglings von 6 Monaten
zu erreichen... die Schwelle 6 Monate wurde gewählt, weil hier das Baby
sich normalerweise entscheidend aus der Zweierbeziehung Mutter – Kind abzulösen
beginnt, weil sein Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Kommunikationssystem so weit
differenziert ist, daß Umwelt aktiv aufgenommen und täglich erweitert
werden kann.
Das Baby kann eigenaktiv sein, es ist nicht mehr auf die ausschließliche
Vermittlung der Dauerbezugsperson angewiesen. Es ist über das Stadium des
Reagierens auf Umweltreize hinaus.
Das ist eine essentielle Veränderung, sie kann durch den genannten Zeitpunkt
annähernd bezeichnet werden.
Jedes sehr schwer behinderte Kind, das diese Schwelle selbständig überschreiten
konnte, bedarf, auch wenn es nur wenig weiterentwickelt scheint, anderer Förderung.“
(Zitatende)
An dieser Stelle vielleicht eine kritische Bemerkung zu Fröhlich‘s Vergleich
mit dem normal entwickelten Kind; ein methodisches Verfahren, das nicht nur
von Fröhlich gemacht wird, sondern auch in der Entwicklungspsychologie,
der
-neurologie und v.a. in der Diagnostik Anwendung findet. Natürlich ist
ein Wissen um die kindliche Normalentwicklung notwendig, um überhaupt Abweichungen
von ihr feststellen zu können – aber für eine detaillierte Sichtweise
von der speziellen Problematik und Besonderheit des jeweiligen Kindes taugt
der Bezug zum gesunden Kind nur insofern, als die Kenntnis von aufeinanderfolgende
Entwicklungsschritten eine adäquate Zielformulierung erlaubt und vor „Lernangeboten“
schützt, die zu hoch angesetzt sind und dem Entwicklungsstand es Kindes
gar nicht entsprechen. Dennoch: Ein schwerstbehindertes Kind jedes beliebigen
Lebensalters, das höchstens soviel „kann“ wie ein z.B.
6 Monate alter Säugling, ist eben trotzdem keiner mehr, es lebt seit so
und so vielen Jahren, hat Eindrücke aufgenommen, Erfahrungen in sozialen
Bezugssystemen gemacht, Frustrationen erlebt.
Die Besonderheit diese Kindes oder Jugendlichen besteht darin, daß es/er
über ein geringes, basales oder eben „anderes“ Kommunikations- und Signalsystem
verfügt, das wir als seine Umwelt oder Bezugspersonen verstehen und interpretieren
müssen. Die Interpretation dieser Signale erfordert m.E. eine qualitativ
anderes emphatisches Verständnis als eine Beurteilung, die sich an der
Normalentwicklung eines Kindes orientiert.
Die Problematik des Vergleichs liegt m.E. in der Gefahr einer defizitären
oder durch Mängel gekennzeichneten Sichtweise von Behinderten und führt
gegebenenfalls zu Reaktions- oder Umgangsformen von uns, die für das Kind
nicht verstehbar und damit sehr schwer in sein soziales Bezugs- und Kommunikationssystem
einzuordnen sind. Eine Problematik, die es m.E. verdient, an anderer Stelle
ausführlich diskutiert zu werden.
III. Zielsetzung der Basalen Stimulation
Absicht ist, „... die Entwicklung des Kindes soweit in Gang zu setzen,
daß das Kind seinen eigenen Körper, seine soziale und materiale
Umwelt aufnehmen kann, sich mit elementarer Neugier an die Erkundigung
dieser Umwelt macht.“ (Fröhlich, 1980, S. 3)
Basale Stimulation soll versuchen, die Erfahrungsmängel des Kindes
auszu-gleichen, indem sie dem Kind sensomotorische Anregungen in allen
Wahrneh-mungsbereichen gibt, die es selbst aufgrund fehlender gezielter
motorisch sensorischer Aktivitäten nicht machen konnte.
Wichtige Ziele hierbei sind – stichwortartig genannt – Kommunikation,
Umwelt, Ich – das heißt:
- Die Kinder sollen fähig werden, mit ihren ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen, und sei es auch in ganz elementarer Form, z.B. einem Lächeln bei vertrauten Personen.
- Die Kinder sollen als Handelnde mit Gegenständen und Dingen ihrer
Umwelt umgehen lernen. Das kann bedeuten, daß stereotyp gewordene
Handlungsformen für das Kind nicht mehr nötig sind. Die Beschränkung
auf den eigenen Körper bedeutet noch keine Ich-Entwicklung, vielmehr
muß angenommen werden, daß eine Unterscheidung zwischen dem
eigenen Körper, dem ich, und der näheren Umgebung noch nicht
stabil ist. Erst der Aufbau eines Körperschemas, sowohl als Voraussetzung
für Bewegungsfunktionen als auch als Voraussetzung für Kommunikation
mit anderen, gewährleistet das Erkennen dieser Grenzen.
Die hohe Bedeutsamkeit der genannten Ziele läßt den Umkehrschluß
zu, daß für die Bezugsperson Kommunikation zum durchgängigen
Prinzip im Umgang und bei der Förderung werden muß.
IV. Theoretische Begründung der Basalen Stimulation
Der Basalen Stimulation liegt ein Modell frühen Lernens zugrunde,
das von der Plastizität des menschlichen Gehirns ausgeht und neurophysiologische
und pädagogisch-psychologische Komponenten enthält:
„Bereits in den 20er Jahren erkannte man (vgl. hierzu Pechstein, Vester),
daß im Laufe der ersten Lebensmonate und Jahre neben dem Größenwachstum
des Gehirns sich auch noch ein anderer Prozeß abspielt. Zwischen
den einzelnen Nervenzellen des Gehirns sprossen Fasern, die sich mit den
Fasern anderer Zellen verknüpfen können. Es entstehen synaptische
Verbindungen. Über diese synaptischen Verbindungen entsteht ein Netzwerk
von Nervenzellen. Diese netzartige Verknüpfung scheint der eigentliche
Leistungsträger unserer Gehirnfunktionen zu sein.
Art und Entstehung dieses Netzes sind zwar biologisch bestimmt, die Dichte des Netzes und damit die Leistungsfähigkeit hängt aber offenbar vom Umwelteinfluß ab. Pechstein (a.a.O.) konnte zeigen, daß bei anregungsarm aufgewachsenen Kindern schwächere Strukturen ausgebildet wurden, als bei Kindern mit normaler Anregung in den ersten Lebensmonaten und Jahren ...
Anregungen der Umwelt, aufgenommen durch die Sinnesorgane des einzelnen
Menschen, stellen nach derzeitigem Wissen die wichtigste Stimulation für
das strukturelle Wachstum des Gehirns dar. Strukturelles Wachstum, das
Ausbilden des Netzwerkes ist wiederum die Grundlage für erhöhte
Leistungsfähigkeit und damit für verbesserte Aufnahme- und Verarbeitungsfähigkeit
(= Wahrnehmung) ...
So arbeitet man bereits seit Jahren im Bereich der Physiotherapie (Krankengymnastik)
erfolgreich mit dem Modell der „Bahnung“. Auf dieser Vorstellung basiert
das Modell der „Basalen Stimulation“, die versucht, Bahnungen für
Impulse zu schaffen, die das Kind aufnehmen und verarbeiten kann, indem
sie in allen Wahrnehmungsbereichen gut organisierte Anregungen ermöglicht
(Fröhlich, 1982 – S. 67).
Begriffsklärung: Was heißt Basale Stimulation
Ausgehend von diesem theoretischen Hintergrund und der Annahme, daß
für schwerstbehinderte Kinder auf unterschiedlichem Entwicklungsniveau
bestimmte Bereiche der Wahrnehmung unterschiedlich bedeutsam sind, beantwortet
Fröhlich uns nochmals explizit die Frage: „Was heißt Basale
Stimulation?“ „Basal“ bedeutet: „Die angebotenen Reize, also die Objekte,
die das Kind wahrnehmen, mit seinen Sinnen aufnehmen soll, sind allereinfachster
Art. Sie werden auf ein Mindestmaß an innerer Differenzierung reduziert,
sie fordern vor allem keinerlei Vorkenntnisse und Erfahrungen, um sie aufzunehmen.
Sie sind die Basis der höheren Wahrnehmung.
„Stimulation“ meint, „daß das Kind zunächst halb passiv
Reizen ausgesetzt wird, es wir angeregt, stimuliert. Anzahl, Art und Dauer
der Reize werden zunächst von außen, d.h. vom Erzieher festgelegt.
Er reagiert mit seiner Reizzufuhr auf die Reaktion des Kindes. Das Kind
selbst ist zunächst mehr passiv ... (Fröhlich, 1979 – S. 53,
zitiert nach Kling-Hammer, 1986).
Von der Hierarchie der Wahrnehmung zur Hierarchie basaler Stimulations-bereiche
Auf der Grundlage des heutigen Wissens über die Entwicklung des menschlichen
Gehirns und Piaget‘s Entwicklungstheorie über das kindliche Lernen leitete
Fröhlich eine „Hierarchie der Wahrnehmung“ ab, nach der schwerst-behinderte
Kinder besonders gut über die sogenannten „Nahsinne“ erreichbar sind, da
sind jene Sinne, die für das menschliche Wesen ontogenetisch primäre
Bedeutung haben, wie z.B. die „somatische Wahrnehmung“ (die gesamte Körperoberfläche
dient dem Kind als Tast- und Empfindungsorgan), die „vibratorische Wahrnehmung“
und die „vestibuläre Wahrnehmung“.
Erst später differenzieren sich in ihrer Bedeutung die Feinsinne, wie z.B.
die orale Wahrnehmung, die olfaktorische Wahrnehmung (Geruch und Geschmack),
die akustische Wahrnehmung, die taktil-haptische Wahrnehmung (Greifen und Tasten)
und die visuelle Wahrnehmung.
Entsprechend des Stellenwertes in dieser Hierarchie der Wahrnehmung ergibt sich
nun eine Hierarchie basaler Stimulationsbereiche, die entsprechend von körpernahen
zu körperfernen Reizangeboten fortschreiten. Für diese auch in ihrer
Bedeutung unterschiedlichen Wahrnehmungsbereiche sind nun verschiedene Förderziele,
Materialien und konkrete Handlungsanweisungen entwickelt.
An verschiedenen Stellen betont Fröhlich, daß sich die hintereinanderfolgende
Darstellung der einzelnen Wahrnehmungsbereiche systematisierenden Gesichtspunkten
verdankt und die Art der Darstellung nicht mit der Durchführung ineinsgesetzt
werden darf, und, daß es in der Therapie nicht um isolierte Reizzufuhr
in einzelnen Sinnesbereichen gehen darf, sondern daß eine ganzheitliche
Förderung angestrebt ist, bei der der Eigenaktivität des Kindes besondere
Beachtung zukommt.
V. Konkrete Förderbereiche und ihre Durchführung
Im folgenden sollen nun die basalen Förderbereiche angesprochen werden, die die Grundlage für eine mögliche individuelle Weiterentwicklung jedes einzelnen Kindes legen
a) Somatische Stimulation/Anregung
Ziel: das Kind soll über diese Stimulation lernen, „seine
Körperoberfläche als Wahrnehmungsorgan zu nutzen, motorisch zu
reagieren, Reize zu lokalisieren und so ein Körperschema aufzubauen“
(Fröhlich 79).
Durch unterschiedliche Intensität von Berührung, Druck, Reibung,
Vibration, Kälte und Wärme soll das Kind seinen eigenen Körper
erfahren und in Beziehung zur Umwelt setzen.
Bedeutung: „Die Informationsvermittlung durch die Körperoberfläche, d.h. die Haut aber auch durch die Muskulatur, stellt möglicherweise den Beginn der Ich-Entwicklung dar“, - sie bedeutet darüber hinaus Erleben von Kontakt durch Nähe, Wärme und Berührung“. Unterschiedliche Qualitäten dieser Beziehungsaufnahme können helfen, den anderen, das Du, wahrzunehmen“ (Fröhlich 91, S. 164).
Methoden: z.B. Baden in warmem Wasser, Duschen mit verschiedenem Wasserdruck, verschiedenen Temperaturen, Frottieren, Eincremen, Massieren mit Handschuh, Bürsten, Lagerung auf verschiedenen Unterlagen, Berieseln mit Trockenmaterialien (Erbsen, Bällen), Spüren von natürlichen Materialien im Freien (z.B. Sand, Wind, Gras, Sonne etc.). Die meisten genannten Möglichkeiten lassen sich gut in den familiären Alltag integrieren.
b) Vestibuläre Stimulation
Ziel: Das Kind soll lernen, „... Beschleunigung wahrzunehmen, entsprechenden Muskeltonus aufzubauen, den Kopf im Raum zu orientieren, den Körper nicht nur auf eine Auflagefläche (sitzend, liegend) hin zu empfinden“. (Fröhlich 79) Nach J. Ayres kommt der Anregung des Gleichgewichts sogar eine primäre Bedeutung zu, weil sie als vestibuläre Information die Grundlage der Verarbeitung aller anderen Empfindungsarten darstellt und das gesamte Nervensystem zu einer wirkungsvollen Funktion anhält (J. Ayres, 84, S. 99)
Methoden: Auf dem Arm schaukeln mit verschiedenen Körperlagen,
Hochheben und Fallenlassen (natürlich nicht wirklich), Drehen, Schaukeln
auf Bällen, Matratzen, Therapiekreiseln ...
In unserer Praxis zeigt sich, daß die Anregung von Lage- und Bewegungsempfindungen
besonders die Fähigkeit zur optischen Differenzierung unterstützt;
Anregung quasi als Einstimmung bei vielen Kindern zu einer erhöhten Wachsamkeit
und Aufmerksamkeit gegenüber optischen Reizangeboten führt. Auch Tonusverbesserungen
können über vestibuläre Anregungen bewirkt werden.
Vorsicht ist hier geboten vor Überstimulierung, z.B. durch unkontrolliertes
Drehen (Kontraindikation).
Überstimulation kann sich über Stunden hin negativ auf die Gesamtbefindlichkeit
auswirken; hierbei ist nicht nur an Übelkeit zu denken, sondern an eine
allgemeine Übererregung, die sich in Unruhe, Hektik bis hin zu generalisierten
Krampfanfällen auswirken kann. Geboten sind demnach einfache, ruhig und
gezielt kontrolliert dargebotene Anregungen.
c) Vibratorische Stimulation
Ziel: „Das Kind soll Anregung der Körperoberfläche
durch Schwingungen erfahren, es soll Schwingungen fühlen und erleben“
(v. Nordheim, Schöbel, 82, S. 75); - es soll lernen, daß hörbare
Töne in einer angenehmen Beziehung zu ihm stehen.
Bevor ein Kind – auch bei intaktem Hörorgan – fähig ist zu
Hören; fühlt es Töne, Laute und Geräusche.
Da vibratorische Angebote nie ohne parallele Geräuschangebote
stattfinden können, spricht man hier auch von akusto-vibratorischer
Stimulation.
Methoden: Schwingungen der menschlichen Stimme bei Körperkontakt; Musikinstrumente wie Trommel u.a. Klangkörper, elektrisches Massagegerät, Elektrozahnbürste, Lautsprecherboxen, Musik mit starken Baßanteilen, in denen die Schwingungen deutlich spürbar sind.
Bedeutung: über die vibratorische Anregung wird neben den
neugewonnenen Körpererfahrungen
- Die Atmung aktiviert und gezielt vertieft
- Die Ausatmung kann durch hinzukommende Vibration zu einer Stimmgebung
führen
- Auf einer höheren Ebene kann die vibratorische Anregung zu einer
auditiven Aktivierung führen, die dann bereits eine verbesserte Zuwendungs-
und Kommunikationsfähigkeit nach sich zieht.
Diese drei bisher genannten, elementaren und entwicklungsgeschichtlich
frühen Sinnesbereiche lassen sich im Alltag nicht immer strikt auseinanderhalten,
da ihre Übergänge fließend sind und sie auch stark in emotionale
Beziehungen eingebunden sind.
Eine Mutter, die ihr Kind auf dem Arm trägt, mit ihm spricht,
es hin- und herbewegt, auf den Po klopft oder streichelt, macht vestibuläre,
akusto-vibratorische und somatische Stimulation. Vielleicht sollte man
das den Müttern bei Gelegenheit auch mal sagen, daß ihre tägliche
Arbeit, ihr „nur“ pflegerischer oder versorgender Umgang mit dem Kind auch
gleichzeitig Förderung ist oder sein kann.
„Die vibratorische, somatische und vestibuläre Anregung knüpft
an vermutete Erfahrungen an, die ein Kind bereits pränatal erworben
hat. Nach unseren Erfahrungen sind alle Kinder, Jugendliche, aber auch
Erwachsene mit schwer-sten Behinderungen in diesen drei Gebieten ansprechbar.“
(Fröhlich, 91,
S. 165).
Neben und auf Grundlage der Anregung bzw. Ausbildung dieser unmittelbaren
frühen Körpersinne (Körperoberfläche, Haut- und Muskelempfindung,
Lage- und Gleichgewichtssinne, Schwingungsempfinden) kann auch das schwerstbehinderte
Kind körperferne Sinne – den Mund und die Zunge – als Tastorgan, das
Schmecken und Riechen, das Hören und später auch das Sehen in
seine Wahrnehmungsaktivitäten mit einbeziehen.
d) Orale Stimulation
Ziel: durch Anregungen des Mundbereichs sollen Mundraum und Zunge
als Tastorgan einsetzbar werden; zum anderen sollen Verhaltensweisen, die
die Nahrungsaufnahme erschweren, wie Zungenstoß oder Würgreflex,
abgebaut werden. (Sensibilisierung bzw. Desensibilisierung).
Dieser Bereich ist meines Erachtens der kritische Bereich in der Basalen
Stimulation, da hier die meisten Fehler gemacht werden können und
dieser deshalb eigentlich in die Hände von Fachleuten, wie Logopäden
oder Krankengymnasten gehören, die am besten eine mundtherapeutische
Ausbildung haben.
Ein unbehutsames Vorgehen provoziert hier sehr schnell ein deutliches
Abwehrverhalten beim Kind und kann zu massiver Eßproblematik führen.
Bedeutsam ist die Stimulation des Mundbereiches u.a. auch darin, daß
sie die Grundlage bzw. Voraussetzungen der Sprachentwicklung bzw. verbaler
Kommunikatonsfähigkeit bildet.
e) Olfaktorische Stimulation
Ziel: durch Geruchs- und Geschmacksanregungen soll das Kind lernen,
Verbindungen/Zusammenhänge zu bestimmten Situationen oder Personen
herzustellen;
Gerade auch im Hinblick auf eine spätere Eßtherapie kann
es bedeutsam sein, daß das Kind differenzierten Geruch und Geschmack
wahrnehmen kann.
Methoden: Riechfläschchen, Spielsachen werden mit bestimmten Geruchs- oder Geschmacksstoffen eingefärbt, Personen mit bestimmten Düften versehen.
f) Akustische Stimulation
Ziel: „Das Kind soll lernen, daß Töne, Laute und Geräusche wesentlichste Bedeutung haben können und daß damit ein Sozialkontakt möglich ist; dies schließt die Anregung zu eigener Lautproduktion ein. Das Kind soll erfahren, daß Geräusche seiner Orientierung im Raum dienen.“ (Schöbel, v. Nordheim, 82, S. 76).
Methoden: Fortführung der akusto-vibratorischen Stimulation, z.B. Lagerung zwischen zwei Lautsprecherboxen; Einsatz von Metronomschlägen mit abwechselnder Frequenz. Wichtigstes Instrument und Medium ist dabei die menschliche Stimme, so daß sich dieser Förderbereich eng überschneidet mit dem Aufbau der Kommunikation.
g) Taktil-haptische Stimulation
Ziel: „Die Hand soll empfindsam gemacht werden für Berührung
-, Druck -, Schmerz -, Temperatur - und Bewegungsreize und zu aktivem Tasten
und Greifen angeregt werden.“
Abbau des Greifreflexes und Sensibilisierung der Handinnenfläche;
erste Handlungsschemata (Tasten) werden aufgebaut.
Methoden: Tastbrettchen mit unterschiedlichen Oberflächenstrukturen, gemeinsames Einreiben oder Befühlen des Körpers, Hände in Schaum oder Creme tauchen, Greifsäckchen; Gegenstände, die beim Loslassen ein Geräusch erzeugen etc.
h) Visuelle Stimulation
Ziel: das Kind lernt durch einfachst strukturierte Reize zu fixieren,
Augenmitbewegungen und Kopforientierung (Blickkontakt) aufbauen. Wesentlich
für den Erfolg visueller Stimulation ist eine tägliche regelmäßige
Durchführung: mehrmals täglich 2 – 5 Minuten.
Methoden: Dias in abgedunkelten Räumen mit verschiedenen Mustern; einzelne
dem Kind vertraute Objekte werden dem Kind mit der Taschenlampe angeleuchtet;
Licht-Schattenspiele, Lichterkette etc.
Bedeutung: ist klar, Gegenstände und Personen kennen, bewegte Gegenstände
mit den Augen verfolgen, Blickkontakt aufbauen auch als Voraussetzung der Imitation.
V. Zusammenfassend
sei nochmals auf die Zielsetzung der Basalen Stimulation verwiesen,
in der es darum geht, durch ein Angebot besonders prägnanter Reize
und Anregungen in allen Wahrnehmungsbereichen systematische, auf das ganze
Kind bezogene Hilfen bei der Reizaufnahme und Verarbeitung, Hilfe beim
Entdecken des eigenen Körpers, beim Aufbau erster Beziehungen zur
sozialen und materialen Umwelt zu geben (Fröhlich, 82, S. 15).
Entscheidend für den Erfolg der Basalen Stimulation ist es dabei,
daß alle Förderanregungen in einer angstfreien Situation stattfinden,
die dem Kind das Gefühl der Geborgenheit vermitteln.
„Das Bedürfnis nach Geborgenheit und Kontaktbehaglichkeit“ schreibt
Fröhlich bereits 79, „wird durch engen Körperkontakt ... gewährleistet“.
Es wird nicht geübt im Sinne stereotyper Wiederholung, sondern angeregt,
bis das Kind von sich aus Sättigung zeigt.
Diese Sättigung kann schließlich angenommen werden, wenn
das Kind anfängliches Interesse nicht mehr zeigt oder wenn Gewöhnung
zu beobachten ist. „Sie kann aber auch ... durch das Auftreten neuen, höher
organisierten, differenzierten Verhaltens gekennzeichnet sein, also durch
Entwicklung.“ (Fröhlich 79).
VI. Film – A. Fröhlich
Ich möchte an dieser Stelle eine kleine Pause in meinem Vortag
machen und zusammen mit Ihnen einen Film ansehen, der im Reha-Zentrum Westpfalz
in Landstuhl gedreht wurde und uns nicht nur Dr. Fröhlich selbst vorstellt,
sondern auch einige praktische Anwendungsbeispiele der Basalen Stimulation
zeigt.
VII. Kritische Betrachtungen
zur Basalen Stimulation und ihrer Anwendung in der Praxis
Wir haben hier im Film gesehen, wie gut es einem Fachmann, der genügend
theoretischen Hintergrund hat und über hinreichend praktische Erfahrung
im Umgang mit Schwerstbehinderten verfügt, gelingt, die Kinder über
die Basale Stimulation zu erreichen; wir haben hier gesehen, wie die Therapeuten
sich den verschiedenen Wahrnehmungsbereichen des Kindes zu nähern
verstehen, Reize setzen, Reaktionen aufgreifen, neue Reaktionen abwarten
und entsprechend eigene Reizangebote modifizieren könne.
Aber: Die Praxis sieht leider oft anders aus. Sicher aus der Not heraus,
überhaupt irgendwelche Zugangswege zu Schwerstbehinderten zu finden,
wird die Basale Stimulation oft als „Methode pur“ aufgegriffen, in ihrer
theoretischen Darstellung nur das „Großgedruckte“ gelesen und sie
auf bloße Handlungsanweisung reduziert. Die Material- und Durchführungsvorgaben
werden sehr häufig ihrer theoretischen Begründung entkleidet
und – analog ihre systema-tischen Darstellung – zusammenhanglos „der Reihe
nach“ übernommen und praktiziert. Allzuoft kommt dabei gerade die
nicht beabsichtigte Einzelförderung isolierter Sinnesbereiche heraus.
Heute werden somatische Reize gesetzt, morgen vesibulär stimuliert,
dann der vibratorische Wahrnehmungsbereich gefördert. Der häufig
völlig mechanistisch angewendeten Reizzufuhr ist sehr oft keinerlei
begründete therapeutische Zielsetzung mehr anzumerken, ein Deutungsversuch
der Reaktionen des Kindes wird häufig nicht nur nicht unternommen,
sondern über die Reaktionen wird einfach durch neue Reizsetzung hinwegstimuliert.
Wenn ich einmal den von Fröhlich selbst als äußerst
kritischen und sensibel beurteilten Wahrnehmungsbereich der Hautempfindung
herausgreifen darf und wenn wir uns einmal vordergründig mögliche
Fördermethoden betrachten, wie z.B. „Berieseln, Trockenduschen, Abfönen,
Abbürsten, etc.“ müssen wir uns m.E. die kritische Frage stellen:
Sind diese relativ diffusen und wenig kontrollierbaren Reize auf die Haut,
wie dies beim „Berieseln“ mit verschiedenen Materialien wie Reis, Erbsen,
Sand ... der Fall ist, tatsächlich für das ange-strebte Ziel,
nämlich ein Gefühl für seinen Körper zu entwickeln,
eine günstige und sinnhafte Voraussetzung?
Wird die Entwicklung von Körpergefühl nicht eher durch den
Erwerb von sinnhaften Erfahrungen, also durch eindeutige klar steuerbare
Reize erleichtert, die es dem „Reizgeber“ ermöglichen, seine Reize
unmittelbar den Reaktionen des Kindes entsprechend zu modifizieren und
umgekehrt dem Kind erlauben, von außen gesetzte Reize differenziert
wahrnehmen und zuzuordnen.
Inwieweit ist z.B. ein „Kugelbad“ geeignet, einem schwerstbehinderten
Kind – neben dem Spaß, den das Kind hat und haben soll – tatsächlich
eindeutige Informationen zu vermitteln, die es mit sich selbst in sinnvollen
Bezug setzen könnte?
Wenn das Kind im Kugelbad Spaß hat, impliziert es dann nicht,
daß es bereits angemessen reagieren kann; das Körpergefühl,
das hier aufgebaut werden soll, also längst vorhanden ist?
Das „Dilemma“ der Basalen Stimulation läßt sich m. E. so
zusammenfassen:
Ein Konzept, das ausschließlich für einen Personenkreis
entwickelt wurde, für den es bisher kaum eine systematische Forschungsarbeit
und daraus abgeleitete Fördermaßnahmen gab, trifft auf entsprechen
große Nachfrage: Mitarbeiter aus den verschiedensten Berufsgruppen,
die zwar alle mit Schwerstbehinderten befaßt sind, jedoch über
ganz unterschiedliche theoretische Kenntnisse und auch praktische Erfahrungen
verfügen, greifen nach diesem „Förderungsrepertoire“ – es ist
sozusagen jedermann zugänglich, bestimmte Voraussetzungen für
seine Anwendung sowie spezielle Aus- oder Fortbildungen werden nicht verlangt.
Jedes noch so gute therapeutische Konzept verliert jedoch an Sinn und
Effizienz, wenn es als „Methode“ angewandt und als „Wunder oder Allheilmittel“
verstanden wird, ohne Reflexion und Überprüfung seiner Tauglichkeit
für das jeweils spezielle Klientel.
Meine Forderung geht also auf eine Zusatzausbildung, zumindest qualifizierter
Fort- und Weiterbildung, die eine modifizierte, kritisch-reflektierte Anwendung
der Basalen Stimulation als Therapie legitimiert.
„Eine therapeutische Intervention kann nur dann gelingen, wenn die
kritische Distanz zur zugrundeliegenden Methode erhalten bleibt, fachliche
Kompetenz und die Bereitschaft zur Hinterfragung des jeweiligen Konzepts
zusammen-spielen. Einseitige Festschreibung und Fixierung auf bestimmte
„Modelle“ verstellt den Blick für das Machbare und läßt
häufig den einzig relevanten Maßstab vergessen: das behinderte
Kind, dem wir helfen wollen.“
(M. Strothmann, 90)
M. Strothmann/L. Weigand
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