Lukas
wurde am 31.12.99 nach einer glücklichen (2.) Schwangerschaft spontan
entbunden. Er entwickelte sich normal und war „unauffällig“ – bis
zum 9. Juli 2000. Er schlief schon einige Stunden als sein Weinen uns an
sein Bett eilen ließ. Er lag auf dem Rücken und hob die Arme
rhythmisch über die Brust. Nach 2 oder 3 Minuten war es vorüber,
Lukas schlief sofort wieder ein.
Was
wir da gesehen haben, erfahren wir 3 Tage später in der Cnopf´schen
Kinderklinik in Nürnberg: BNS-Epilepsie - von einer schwerwiegenden
Erkrankung ist die Rede.
Wir
sind schockiert, verzweifelt, Lukas hat jetzt bereits täglich mehrere
Anfälle, die z.T. unterbrochen werden müssen.
Die
Therapie beginnt sofort mit Vitamin B6 in mittlerer Dosis, dann folgt ACTH.
Lukas ist einige Tage anfallsfrei.
Wir
beschaffen uns Informationen, Lukas ist bestimmt „der idiopathische Typ“
– Hoffnung auf Heilung.
Dann
beginnen die Anfälle wieder.
Zusätzlich
zu ACTH erhält Lukas Ospolot, aber die Anfälle nehmen weiter
zu. Dann der Wechsel zu Sabril, neue Hoffnung. Am 31. August holen wir
Lukas aus der Klinik – Medikamente kann man auch zu Hause verabreichen.
Aber die Anfälle werden immer bedrohlicher. Am 18. September kommt
Lukas wieder in die Klinik, wir steigen um auf Valproat (Orfiril-Saft),
aber der Zustand ist unverändert schlecht. Am 5. Oktober holen wir
Lukas wieder nach Hause, wir wollen in eine Fachklinik – nach Kork, aber
dort gibt es Wartelisten – wir sind verzweifelt, Lukas hat viele Anfälle,
wir brauchen häufiger Chloralhydrat. Er schläft viel – zuviel
– die ersten Entwicklungsrückstände manifestieren sich.
Am
3. November bekommen wir einen ambulanten Termin in Kork und haben Glück:
Lukas kann gleich stationär aufgenommen werden.
Lukas
wird umgestellt auf Orfiril-Long (Tabletten), aber der Zustand wird schlechter.
Man bittet uns um Geduld, das Valproat ist noch nicht ausdosiert, wir warten
und hoffen weiter. Im Intensiv-Monitoring Ende November wird deutlich,
daß die Anfälle von der linken Hemisphäre ausgehen (temporo-parieto-occipital).
Mitte
Dezember geht es Lukas so schlecht, daß wir schweren Herzens einer
Umstellung der Therapie auf Rivotril zustimmen. Danach entspannt sich die
Situation etwas, er hat „nur“ 3-4 Anfälle pro Tag, die nach wenigen
Minuten ohne Intervention beendet sind. Da dies nur eine vorübergehende
Beruhigung der Lage ist, ziehen wir die Möglichkeit einer operativen
Therapie in Erwägung und werden an Bethel verwiesen, da Kork nur ältere
Kinder operativ versorgen kann.
Gleich
nach unserer Entlassung aus Kork am 21.12.00 beantragen wir daher die Aufnahme
in der Fachklinik Mara in Bethel.
Am
4.1.2000 wird in Freiburg eine PET-Untersuchung durchgeführt, die
die Ergebnisse des Intensiv-Monitorings bestätigt.
Am
7. 2. sind wir in Stuttgart zum MRT bei Dr. Winkler. Auf das Ergebnis müssen
wir allerdings bis Anfang April warten, die Auswertung der Bilder ist sehr
schwierig, das Ergebnis unklar. Doch auch hier verdichten sich die Hinweise
auf eine Dysplasie in der linken Hemisphäre.
Ende
Februar nehmen die Anfälle wieder zu, müssen häufiger unterbrochen
werden, wir steigen um auf Frisium und Lamictal.
Endlich
am 17. April Aufnahme in Bethel zum präoperativen Intensiv-Monitoring
– wenige Tage später der Schock: Hemisphärektomie ! (funktionelle
Hemisphärektomie bzw. Hemisphärotomie heißt Abtrennung
einer kpl. Hemisphäre vom übrigen Gehirn)
Wir
sind am Ende, aber Lukas leidet so sehr. Neben den BNS-Anfällen treten
jetzt auch andere Anfallstypen auf, er rollt die Augen, starrt dann wieder
vor sich hin. Es gibt kaum eine Stunde ohne Anfall, er erhält zusätzlich
Luminaletten.
Mitte
Mai ein Erfolgserlebnis: Lukas kann sich selbst aufsetzen !
Am
7.Juni erneut ein MRT bei Dr. Winkler, die Dysplasie ist jetzt relativ
deutlich.
Aber
ein Wort martert uns unentwegt: Hemisphärektomie – wir lesen viel,
versuchen auf diese Weise einige positive Informationen zu bekommen.
Und
immer sehen wir die kleine rechte Hand, die bald nicht mehr greifen wird
– sind wir auf dem richtigen Weg ?
Ende
Juni werden alle Zweifel beseitigt: Lukas hat den ersten Grand Mal !
Am
9. Juli, genau ein Jahr nach dem ersten Anfall, wird Lukas in Bethel von
Dr. Pannek operiert. Wir begleiten ihn kurz vor 8Uhr zum OP und erhalten
erst nach 17Uhr den erlösenden Anruf – ein endlos langer Tag.
Lukas
ist sehr tapfer, die Heilung verläuft optimal, er hat keine Anfälle
! Er braucht nur noch Timonil in mittlerer Dosis. Schon eine Woche nach
der OP machen wir den ersten „Ausflug“ mit dem Kinderwagen. Nie werde ich
die staunenden Augen vergessen, mit denen er sich umsieht, ganz so als
sähe er die Welt zum ersten mal.
Bereits
2 Wochen nach der OP können wir wieder nach Hause – Lukas ist noch
immer anfallsfrei. –
Heute
ist Lukas 2 Jahre alt und trotz seiner op-bedingten neurologischen Ausfälle
(spast. Hemiparese rechts, Gesichtsfelddefekt rechts) und krankheitsbedingten
Entwicklungsrückstände ein lustiger kleiner Lausebengel, der
uns immer in Bewegung hält. Er ist noch immer anfallsfrei und wir
können jetzt relativ sicher sein, daß dies so bleibt. Mit etwas
Glück wird er sich in einigen Wochen auf seine eigenen Füßen
stellen und vielleicht die ersten Schritte unternehmen. –
Niemand
kann vorhersagen, welche Entwicklung Lukas nehmen wird, aber seine Unternehmungslust
und sein Lachen lassen uns hoffen, daß er es „weit bringen“ kann
– was immer das auch heißt.
Wir haben in der schweren Zeit viel von Erfahrungen oder Informationen anderer betroffener Eltern profitiert und sind auch heute noch für jeden Tipp dankbar. Daher bieten wir hier allen Betroffenen und Interessierten unsere Erfahrungen und „Wissen“ über Therapien und Kliniken an. Leider kennen wir bisher nur 3 Eltern, deren Kind in gleicher Weise operativ behandelt wurde, und so hoffen wir auch, auf diesem Weg vielleicht weitere hemiphärektomierte Kinder kennenzulernen.
Kontaktadresse: Elke Kuhlmann-Müller, Untere Leitenstr. 23, 90556 Cadolzburg, Tel. 09103-796286