EPILEPSIEN BEI KINDERN
Pädagogische Aspekte
Probleme in der Familie
Kampf mit den Vorurteilen
Die Erziehung
eines kranken Kindes ist weitaus schwieriger als die eines gesunden.
Beim anfallkranken Kind ist sie besonders dadurch erschwert, dass die Epilepsie
bis heute eine mit vielen Vorurteilen belastete Krankheit ist. Viele halten
sie für eine Geisteskrankheit, bei der man mit einem allmählichen
Abbau der geistigen Fähigkeiten rechnen muss. Andere sehen in ihr eine
Erbkrankheit, für die Vater und Mutter bzw. deren Familien letztlich die
Schuld tragen.
Wenn Sie selbst die Epilepsie als Makel ansehen, wird es Ihnen schwer fallen,
Ihr Kind, das durch seine Krankheit die Familie belastet, so wie seine Geschwister
zu lieben oder wie Sie ein gesundes Kind lieben würden.
Vielleicht reagieren Sie ihm gegenüber mit besonderer Ungeduld und Reizbarkeit.
Vielleicht sind Sie nur gleichgültiger ihm gegenüber und wenden sich
mit vermehrtem Stolz den gesunden Geschwistern zu. Dann tut Ihnen das kranke
Kind wieder leid und Sie verwöhnen es doppelt.
Aber auch wenn Sie keine Vorurteile haben, bleibt der Kampf gegen die Vorurteile
Ihrer Umgebung.
Diesen können Sie jedoch am besten entgegenwirken, wenn Sie selbst ausreichend
über die Krankheit Epilepsie informiert sind und ganz offen über diese
Krankheit sprechen.
Aus dem berechtigten Wunsch heraus, Ihr krankes Kind vor Spott und Benachteiligungen
zu schützen, stehen Sie mitunter in der Gefahr, auch da Missgunst und Abwehr
zu vermuten, wo es sich um harmlose Kinderstreitigkeiten oder um einen gerechtfertigten
Tadel des Lehrers handelt.
Die häufigsten Erziehungsfehler
Zu große
Fürsorge
Im Bestreben, alles für das an Epilepsie erkrankte Kind zu tun, es zu fördern,
es aber auch vor Schwierigkeiten und Benachteiligungen zu schützen, kommt
man als Eltern of in die Gefahr, es mit übergroßer Fürsorge
zu umgeben.
Das kranke
Kind wird zum Mittelpunkt der Familie. Jede Missempfindung, Bauchschmerzen oder
Kopfweh, wird ängstlich registriert. Man überwacht es auf Schritt
und Tritt.
Man hilft überall nach, beim An- und Ausziehen, beim Aufräumen der
Spielsachen.
Mag das Kind nicht essen, verlegt man sich aufs Bitten und verspricht Belohnungen.
Man kocht seine Lieblinsspeisen oder beginnt schließlich, das Kind zu
füttern, sobald es vorgibt, zu müde zum selbstständigen Essen
zu sein.
Ist das Kind ungezogen, wagt mein keine Strenge, man hat Angst, damit einen
Anfall auszulösen.
Auch die Geschwister müssen Rücksicht nehmen und bei Streitigkeiten
nachgeben. Sie dürfen nicht murren, wenn das kranke Kind von der Mutter
weit mehr beachtet wird als sie.
Eine Mutter,
die Ihr Kind verwöhnt, merkt dies meistens nicht. Sie ist ehrlich davon
überzeugt, das Beste für ihr Kind zu tun. Schließlich setzt
sie sich für ihr krankes Kind mehr ein, opfert mehr Kraft als für
alle anderen Geschwister oder wie sie es für ein gesundes Kind tun würde.
Und doch schadet sie damit dem Kind: In ihrer Überfürsorglichkeit
verwehrt sie ihm das Üben und Erproben seiner Fähigkeiten. Sie nimmt
ihm die Freude am selbständigen Bewältigen seiner Alltagsprobleme
und auch die Möglichkeit durch Misserfolge zu lernen.
Ein auf diese Weise verwöhntes Kind wird in zunehmendem Maße anspruchsvoll und beginnt, mit seinen vielfältigen Wünschen und Launen die Familie zu tyrannisieren. Es wird bequem, weil es ja immer jemanden findet, der ihm die Schwierigkeiten aus dem Wege räumt. Es wird wehleidig und empfindlich, weil es stets von Mitleid umgeben ist. Schließlich wird es ängstlich und ungeschickt, weil die Hilfe der Mutter ihm seine eigene Hilflosigkeit ständig vor Augen hält. Es kann sich in seiner Umgebung nicht behaupten, schreckt vor Anforderungen zurück und wirkt schließlich unbeholfen und einfältig.
Mangelnde
Rücksichtnahme
Weil die Eltern aus ihrem anfallkranken Kind einen lebenstüchtigen Menschen
machen wollen und weil sie wissen, wie schädlich eine verwöhnende
Erziehung sein kann, verfallen sie manchmal in das gegenteilige Extrem. Sie
nehmen zu wenig Rücksicht auf dessen krankheitsbedingte Eigenart.
Unruhe und mangelnde Ausdauer werden unnachsichtig bestraft. Dickköpfigkeit
soll ebenfalls durch strenge Maßnahmen gebrochen werden. Ist das Kind
verlangsamt, versucht man es anzuspornen, indem man ihm die gesunden Geschwister
als Vorbild vorhält oder es vor Fremden bloßstellt. Strafen und ungeduldiger
Ansporn sollen sein Leistungstempo steigern. Besonders auf dem Gebiet der Schulleistungen
sind viele Eltern uneinsichtig.
Meistens ist es die verständliche Angst vor der Zukunft ihres Kindes, die Eltern zu einer solchen Haltung veranlasst. In manchen Fällen stecken jedoch noch andere, den Eltern meist nicht bewusste Motive dahinter: Sie behandeln ihr krankes Kind wie ein gesundes, weil sie es nicht ertragen können, dass es anders als seine Altersgenossen ist. Sie wollen zum Beispiel nicht wahrhaben, dass es evt. z.B. bedingt durch die Medikamente, konzentrationsschwächer und langsamer reagiert und tun deshalb so, als ob dieses Verhalten Ungezogenheit wäre.
Ein Kind
das sich in solcher Weise unverstanden und überfordert fühlt, wird
entweder mit offener Opposition reagieren oder es versucht, auf andere Weise
die übermäßigen Anforderungen zu umgehen. Es verheimlicht vielleicht
die Hausaufgaben oder versucht, durch kleine Lügereien sich das Leben erträglicher
zu machen.
Viele Kinder bekommen Ess- und Einschlafstörungen, andere klagen über
Kopf- und Bauchschmerzen oder sie müssen morgens vor der Schule erbrechen.
Sie bekommen diese Beschwerden, weil sie in der ständigen Angst vor Anforderungen
leben, denen sie sich nicht gewachsen fühlen.
Andere Kinder werden mürrisch, reizbar und niedergeschlagen; sie resignieren,
weil sie trotz aller Anstrengungen spüren, dass die Eltern unzufrieden
mit ihnen sind.
Einig Grundregeln für die Erziehung
Schon bei
der Erziehung gesunder Kindes ist es schwer, das rechte Maß zu finden,
das heißt den Mittelweg zwischen Verwöhnung und Überforderung.
Noch viel schwerer ist dies bei einem kranken Kind, bei dem man oft nicht weiß,
was man von ihm verlangen kann und muss, wo seine Grenzen liegen, wo seine Fähigkeiten
sind, die es zu nutzen gilt.
Vorurteile
überwinden
Die wichtigste Voraussetzung für eine pädagogisch sinnvolle Erziehung
des epilepsiekranken Kindes ist, dass die Eltern selbst, die mit der Krankheit
verbundenen Vorurteile überwinden und das Schicksal, ein anfallkrankes
Kind zu haben, annehmen lernen und akzeptieren. Das bedeutet aber, dass sie
ihr Kind bejahen, lieben und anerkennen, so wie es ist und nicht so, wie sie
es gerne haben möchten.
Wie schwer es ist, zu einem kranken Kind wirklich ja zu sagen, wissen vor allem
Eltern, deren Kind in seiner geistigen und/oder körperlichen Entwicklung
zurückgeblieben ist. Sie müssen viele Hoffnungen und Pläne für
die Zukunft begraben, ohne bitter zu werden und es das Kind entgelten zu lassen.
Dies ist eine Haltung, die immer wieder neu errungen werden muss.
Jedes Kind, insbesondere das Kranke, braucht die Gewissheit, dass die Eltern
ohne Vorbehalte zu ihm stehen. Nur mit diesem Rückhalt kann es Selbstvertrauen
gewinnen und seine Fähigkeiten voll entfalten.
Keine Überbewertung
der Krankheit
Bedenken Sie, dass sich Ihr Kind in den anfallfreien Zeiten nicht krank fühlt
und auch nicht krank ist. Im allgemeinen spürt es von seinen Anfällen
nichts oder sehr wenig. Es vergisst sie bald wieder, wenn Sie es durch Ihren
besorgten Blick nicht stets daran erinnern.
Das Kind fühlt sich gesund; sie sollten ihm dieses Gefühl nicht nehmen,
indem Sie es dauernd als "krankes" Kind behandeln.
Die Tatsache, dass es Anfälle hat, sollten Sie dem Kind gegenüber
jedoch nicht verheimlichen!
Erklären Sie ihm seine Erkrankung in verständlichen Worten und verschanzen
Sie sich nicht hinter Geheimniskrämerei oder Verharmlosungen. Das Kind
kann sonst nicht verstehen, warum es in regelmäßigen Abständen
zum Arzt gehen und seine Medikamente nehmen muss und vor allem wird
sonst die Epilepsie nicht zu einer Selbstverständlichkeit (wie es z.B.
für einen Diabetiker auch selbstverständlich ist dass er eben Medikamente
nehmen und mit seiner Krankheit sein Leben leben muss und es trotzdem eine hohe
Lebensqualität besitzt)) die notwendig ist, um schon als betroffenes Kind
den Vorurteilen seiner Umwelt ein gesundes Selbstbewusstsein entgegen setzen
zu können.
Sie wissen,
wie wichtig es ist, dass Sie die Anfälle Ihres Kindes sorgfältig beobachten
und einen Anfallskalender führen. Nur so kann der Arzt den Verlauf der
Erkrankung und die Wirkung der Medikamente beurteilen.
Das bedeutet aber nicht, dass jeder Anfall als schreckliches Ereignis in der
Familie ausgiebig diskutiert werden muss. Das Kind spürt Ihre Aufregung.
Es bekommt den Eindruck, dass etwas Erschreckendes, vielleicht für die
Umgebung Abstoßendes mit ihm passiert ist. Dies macht es unsicher, gibt
ihm das Gefühl, anders als andere Kinder zu sein - und das wollen wir ja
gerade vermeiden.
Konsequenz
in der Erziehung - aber keine Gängelung
Auch das kranke Kind muss lernen, sich in seine Umgebung einzufügen. Es
muss sich in die Familie einordnen und bestimmte Regeln einhalten.
Oft fällt ihm das jedoch viel schwerer als z.B. den gesunden Geschwistern. Es hat Mühe damit, vielleicht weil es evt. ungesteuerter, reizbarer oder langsamer ist, vielleicht auch deshalb, weil seine intellektuellen Fähigkeiten nicht so ausgereift sind, Einsicht und Überblick fehlen.
Machen
Sie sich zunächst klar, wo die besonderen Schwierigkeiten Ihres Kindes
liegen und was Sie von ihm fordern können. Es wird oft weniger sein als
das, was Sie z.B. von den gesunden Geschwistern erwarten (wenn es nach einem
Anfall einfach noch nicht richtig ansprechbar ist, oder dringend Schlaf braucht
und so eine aufgetragene Aufgabe wie z.B. Tisch abräumen nicht erledigen
kann und diese dann von jemand anderem übernommen werden muss), aber das
was das kranke Kind leisten kann, sollte man auch von ihm verlangen. Sein Zimmer
kann z.B. auch am nächsten Tag noch von ihm aufgeräumt werden, wenn
es wegen einem Anfall heute eben nicht zu
Leisten war - es gibt keinen Grund aufschiebbare Anforderungen von jemand anderem
erledigen zu lassen.
Achten
Sie sehr darauf, dass Sie nicht heute etwas erlauben, was Sie morgen verbieten.
Mangelnde Konsequenz verwirrt ein Kind, das an sich schon leichter als ein gesundes
aus seinem inneren Gleichgewicht geraten kann.
Kommt eine Verhaltensstörung hinzu, ist es besonders wichtig, dass klare
Strukturen und Regeln
vorherschen.
Verbieten Sie möglichst wenig, sonst engen Sie die Entwicklung Ihres Kindes
unnötig ein. Aber scheuen Sie sich auch nicht, das Wenige, was Sie verlangen,
konsequent durchzusetzen.
Dies sind nur einige Tipps, die bei der Bewältigung evtl.
auftretender Probleme gegeben werden können. Umfangreichere Aussagen findenSie
in der Broschüre
"Das anfallkranke Kind"
Pädagogischer Ratgeber für Eltern
von Dr. Dorothea Freudenberg, Dipl.-Psychologing
Herausgeber. Epi-Zentrum Kehl-Kork
in Zusammenarbeit mit der
Deutschen Sektion der Internationalen Liga gegen Epilepsie
Herforder Str. 5-7
33602 Bielefeld
Egal um welche Form eines Anfalls es sich handelt, muss jedoch daraufhin gewiesen werden, dass die größte Gefahrenquelle im Bereich des Wassers liegt. Die meisten Unfälle mit schwerem Ausgang finden in Zusammenhang mit einem Krampfanfall im Wasser statt - egal ob Badewanne oder Schwimmbad, bitte lassen sie ihr Kind nicht unbeaufsichtigt! Schon ein sogenanntes "Sitzbad" kann zur tödlichen Falle werden, wenn ihr Kind einen Anfall erleidet und keine Kontrolle mehr über seinen Körper hat.